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Das klingt banal. Ist es aber nicht. Teams bauen erstaunlich oft auf Basis von Annahmen statt auf echtem VerstĂ€ndnis. Und diese Annahmen sind teuer. Sie zeigen sich in Features, die kaum genutzt werden. In Support-Anfragen, die ein besseres Onboarding ĂŒberflĂŒssig gemacht hĂ€tte. In Conversion-Raten, die trotz technisch sauberem Produkt stagnieren. Der Irrtum liegt selten in der Umsetzung - er liegt im fehlenden Zugang zur Nutzerperspektive.
Als Teil unserer Reihe ĂŒber die fĂŒnf wichtigsten UX-Workshop-Formate widmen wir uns in diesem Artikel dem Empathy Workshop, der Teams hilft, diesen Zugang zu erhalten.
Wir erklĂ€ren, wie ein Empathy Workshop aufgebaut ist, welche Methoden zum Einsatz kommen und wann er sich wirklich lohnt. Wir schauen uns die Empathy Map als zentrales Werkzeug an, gehen den typischen Ablauf Schritt fĂŒr Schritt durch und benennen auch hĂ€ufige Situationen, in denen ein anderes Format mehr Sinn ergeben wĂŒrde.
Was ist ein Empathy Workshop?
Ein Empathy Workshop ist ein kollaboratives Format, bei dem interdisziplinĂ€re Teilnehmer (Designer, Product Manager, Stakeholder, manchmal auch Entwickler) gemeinsam versuchen, die Perspektive eines realen oder typisierten Nutzers einzunehmen.Â
Das Ziel ist dabei nicht, Empathie im Sinne von Mitleid zu erzeugen. Stattdessen geht es darum, ein tiefgehendes VerstĂ€ndnis fĂŒr die BedĂŒrfnisse der User beziehungsweise einzelner Nutzergruppen zu gewinnen. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Wer versteht, warum ein User an einer bestimmten Stelle abbricht, der kann auch eine bessere Lösung fĂŒr das Problem finden.
Abgrenzung zum Discovery Workshop
WĂ€hrend ein Discovery Workshop den Projektrahmen klĂ€rt (Business-Ziele, Stakeholder-Erwartungen, technische Rahmenbedingungen), zoomt der Empathy Workshop auf das emotionale Erleben des Nutzers und findet so heraus, welche BedĂŒrfnisse der User adressiert werden mĂŒssen, um die festgelegten Business-Ziele zu erreichen.Â
Beide Formate ergÀnzen sich hervorragend, können sich aber nicht ersetzen.
Abgrenzung zu Personas und User ResearchÂ
Ein Empathy Workshop kann einzelne vorhandene Erkenntnisse kombinieren und im Team verankern. Oder als effizienter Einstieg dienen, wenn das Team beginnt, sich mit einer neuen Zielgruppe auseinanderzusetzen. Er ist jedoch kein Ersatz fĂŒr tiefe User Research. Er ersetzt keine Interviews, keine Feldstudien, keine quantitativen Analysen.Â
An dieser Stelle ist eine direkte Einordnung wichtig: Wenn weder Interviews, noch Support-Auswertungen oder Analytics Daten vorliegen, dann basiert der Empathy Workshop auf reinen Annahmen. Das kann trotzdem wertvoll sein, um Hypothesen zu formulieren und WissenslĂŒcken sichtbar zu machen, sollte aber transparent kommuniziert werden. Solange das Ergebnis nicht mit validiertem Wissen verwechselt wird, ist ein Empathy Workshop auf Basis von BauchgefĂŒhl noch immer besser als gar kein Perspektivwechsel.
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Die Empathy Map: HerzstĂŒck des Workshops
Die Empathy Map ist das zentrale Werkzeug im Empathy Workshop. Sie strukturiert die Perspektive des Nutzers in vier Quadranten:.
Says erfasst, was Nutzer in Interviews, Support-Tickets oder Feedback-Formularen wörtlich Ă€uĂern. Beispiel aus einem B2B-SaaS-Kontext: âIch verstehe nicht, wo ich Nutzungsrechte fĂŒr Teammitglieder einstellen kann."
Thinks geht tiefer. Hier landen die Gedanken, die Nutzer zwar nicht laut aussprechen, die aber trotzdem ihr Verhalten beeinflussen. Zum Beispiel: âWarum funktioniert das bei mir nicht?" - ein Gedanke, den Nutzer still mit sich tragen, wĂ€hrend sie das Tab schlieĂen und es nie wieder öffnen.
Does dokumentiert beobachtbares Verhalten. Welche Workarounds nutzen die Menschen? Wo klicken sie dreimal, wo einmal? Beispiel: Ein Nutzer exportiert Daten in Excel, bearbeitet sie dort und importiert sie zurĂŒck, weil die eingebaute Bearbeitungsfunktion zu umstĂ€ndlich ist.
Feels erfasst den emotionalen Zustand. Frustration, Unsicherheit, Erleichterung, Ăberforderung. Beispiel: Genervt, weil jede Ănderung an den Einstellungen einen BestĂ€tigungs-Workflow mit drei Freigabestufen auslöst.
Optional lĂ€sst sich die Map um zwei weitere Bereiche ergĂ€nzen: Pains bĂŒndelt konkrete Schmerzpunkte, die sich aus den vier Quadranten ergeben.Gains erfasst den Zustand, den der Nutzer sich eigentlich wĂŒnscht. Diese Erweiterung hilft besonders dann, wenn der Workshop direkt in die Ideenentwicklung ĂŒbergehen soll.
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Wie bereits erwĂ€hnt: Empathy Maps auf Basis von echten Interview-Erkenntnissen funktionieren deutlich besser als rein hypothetische Karten. Wenn das Team auf reale Zitate und beobachtetes Verhalten zurĂŒckgreifen kann, werden die Quadranten konkreter, die Diskussionen schĂ€rfer, die Erkenntnisse belastbarer. Hypothetische Maps haben trotzdem ihren Platz, indem sie Annahmen greifbar machen und zeigen, wo das Team sich einig ist und wo nicht.
Empathy Workshop Ablauf: So lÀuft eine Session ab
Der Ablauf eines Empathy Workshops folgt einer klaren Struktur: Vier Phasen, die aufeinander aufbauen.
Phase 0: Vorbereitung
Bevor der Workshop beginnt, brauchen Sie ein definiertes Nutzerprofil oder eine Persona, auf die sich das Team fokussiert. Vorhandene Interview-Transkripte, Support-Auswertungen oder Analytics-Daten sollten aufbereitet vorliegen. AuĂerdem brauchen Sie ein Whiteboard-Tool wie Miro oder FigJam (oder ein physisches Whiteboard mit ausreichend Sticky Notes). Nehmen Sie sich ausreichend Zeit, um eine bestmögliche Grundlage fĂŒr den Workshop zu schaffen: Die Vorbereitung entscheidet massiv ĂŒber die QualitĂ€t der Ergebnisse.Â
Phase 1 - Einstieg und Kontext setzen
ErklĂ€ren Sie das Ziel des Workshops, stellen Sie das relevante Nutzerszenario vor und bringen Sie alle Teilnehmer auf den gleichen Wissensstand. Hier werden auch die Spielregeln erklĂ€rt: In der nĂ€chsten Phase wird nicht diskutiert, sondern gesammelt. Wer diese Phase ĂŒberspringt, verbringt den Rest des Workshops damit, MissverstĂ€ndnisse aufzuklĂ€ren.
Phase 2 - Individuelle BefĂŒllung der Empathy Map
Jeder Teilnehmer trĂ€gt seine EinschĂ€tzungen in die vier Quadranten ein - still, fĂŒr sich, ohne Abstimmung mit anderen. QuantitĂ€t vor QualitĂ€t. Es geht darum, möglichst viele Perspektiven auf den Tisch zu bringen, nicht darum, die perfekte Formulierung zu finden. Wer in dieser Phase schon diskutiert, verpasst den Punkt. Die StĂ€rke liegt gerade darin, dass unterschiedliche Sichtweisen unzensiert nebeneinanderstehen.
Phase 3 - Clustern, diskutieren, priorisieren
Jetzt wird es spannend. Das Team sichtet gemeinsam die gesammelten BeitrĂ€ge, identifiziert Gemeinsamkeiten und benennt WidersprĂŒche. Wo sind sich alle einig? Wo klaffen die EinschĂ€tzungen auseinander? Genau diese Differenzen sind Gold wert, denn sie sind klarer Beweis, dass das Team noch zu wenig ĂŒber seine Nutzer weiĂ. Pain Points und sogenannte Moments of Truth werden markiert und priorisiert.
Phase 4 - Erkenntnisse dokumentieren und nÀchste Schritte festlegen
Der Workshop endet nicht mit einer vollen Empathy Map, sondern mit drei Fragen, die den weiteren Weg weisen:
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- Was nehmen wir mit? Welche Erkenntnisse verÀndern unser VerstÀndnis des Nutzers?
- Welche Annahmen mĂŒssen validiert werden? Wo brauchen wir echte Daten statt Hypothesen?
- Welche Design-Entscheidungen können jetzt getroffen werden? Was können wir sofort umsetzen, ohne auf weitere Research zu warten?
4 Situationen fĂŒr Empathy Workshops
Ein Empathy Workshop entfaltet seinen gröĂten Hebel in ganz bestimmten Momenten im Produktprozess.
Aber: Wenn Ihr Team noch keinerlei Nutzerkontakt hatte â keine Interviews, keine Beobachtungen, keine ausgewerteten Support-Daten â dann sollten Sie zuerst User Research priorisieren. Der Empathy Workshop soll Erkenntnisse verdichten. Wenn es noch keine Erkenntnisse gibt, kann auch nichts verdichtet werden.
Produktrelaunch
Wenn ein bestehendes Produkt neu gedacht werden soll, hilft der Workshop, blinde Flecken im NutzerverstÀndnis aufzudecken. Teams, die seit Jahren am selben Produkt arbeiten, entwickeln oft eine Art Betriebsblindheit - sie sehen nicht mehr, was neue oder weniger erfahrene Nutzer tÀglich erleben. Der Workshop zwingt das Team, diesen Filter bewusst abzulegen.
Neue Features
Bevor ein Feature spezifiziert wird, lohnt sich der Perspektivwechsel. Wer versteht, wie sich Nutzer in der betroffenen Situation fĂŒhlen, baut bessere Lösungen als jemand, der nur auf Metriken schaut. Das klingt selbstverstĂ€ndlich, ist es in der Praxis aber selten.
Hohes Support-Aufkommen
Wenn die gleichen Fragen immer wieder im Support landen, steckt dahinter oft ein UX-Problem, das niemand als solches erkannt hat. Der Empathy Workshop macht sichtbar, wo die Reibung entsteht und warum Nutzer nicht finden, was sie suchen.
Vorbereitung auf Nutzerinterviews
Klingt paradox, funktioniert aber: Ein Empathy Workshop vor den Interviews hilft dem Team, bessere Fragen zu formulieren. Weil die eigenen Annahmen explizit auf dem Tisch liegen, lassen sich gezielt die richtigen LĂŒcken adressieren. Gute Interviews beginnen damit, dass Sie wissen, was Sie noch nicht wissen.
Im Designprozess ist der Workshop am sinnvollsten nach ersten Nutzerinterviews oder zu Beginn einer Discovery-Phase eingesetzt, um vorhandenes Wissen zu sammeln. Als abschlieĂende MaĂnahme taugt er weniger, da er von Natur aus eher Fragen aufwirft als sie zu beantworten.
Wer sollte am Empathy Workshop teilnehmen?
Der Workshop wirkt am stĂ€rksten, wenn nicht nur Designer und Researcher im Raum sitzen. Product Owner, Stakeholder und Entwickler bringen andere Perspektiven mit. Und genau das ist der Punkt! Wenn nur die UX-Abteilung die Empathy Map befĂŒllt, fehlt der Effekt, der den Workshop so wertvoll macht: das gemeinsame VerstĂ€ndnis ĂŒber Teamgrenzen hinweg.
Fazit
Teams, die die richtigen Fragen stellen und ihre Nutzer wirklich verstehen, bauen bessere Produkte.
Wer einen Empathy Workshop in ErwĂ€gung zieht, sollte ihn in Kombination mit einem Discovery Workshop denken. Der Discovery Workshop klĂ€rt Ziel, der Empathy Workshop klĂ€rt den Weg. Zusammen bilden sie ein solides Fundament fĂŒr nutzerzentrierte Produktentwicklung.
Sie wollen herausfinden, welches Workshop-Format fĂŒr Ihr Team den gröĂten Hebel bringt? Buchen Sie ein kostenloses ErstgesprĂ€ch mit unserer GrĂŒnderin Victoria und wir klĂ€ren gemeinsam, wo Sie stehen und was der sinnvollste nĂ€chste Schritt ist.
Empathy Workshop FAQ
Was ist ein Empathy Workshop?
Ein Empathy Workshop ist ein kollaboratives Teamformat, bei dem Designer, Product Manager, Stakeholder und Entwickler gemeinsam die Perspektive eines Nutzers einnehmen. Es ist kein reines Forschungstool, sondern ein Workshop, der vorhandenes Wissen ĂŒber Nutzer im Team sichtbar macht und verankert. Das zentrale Werkzeug ist die Empathy Map, die das Nutzererlebnis in vier Bereiche strukturiert.
Was ist eine Empathy Map und wie wird sie gefĂŒllt?
Die Empathy Map teilt die Nutzerperspektive in vier Quadranten: Says (was Nutzer sagen), Thinks (was sie denken), Does (was sie tun) und Feels (was sie fĂŒhlen). Jeder Teilnehmer fĂŒllt die Quadranten zunĂ€chst individuell aus, bevor das Team gemeinsam clustert und priorisiert. Optional lassen sich die Bereiche Pains und Gains ergĂ€nzen, um Schmerzpunkte und WĂŒnsche explizit zu erfassen.
Wie lange dauert ein Empathy Workshop?
Ein typischer Empathy Workshop dauert einen halben bis einen ganzen Tag. Die genaue Dauer hĂ€ngt von der TeamgröĂe, der vorhandenen Datenbasis und der Tiefe der anschlieĂenden Diskussion ab. FĂŒr ein fokussiertes Team mit guter Vorbereitung reichen oft drei bis vier Stunden - bei komplexeren Szenarien oder gröĂeren Gruppen kann ein ganzer Tag sinnvoll sein.
Was ist der Unterschied zwischen einem Empathy Workshop und einem Discovery Workshop?
Der Empathy Workshop fokussiert auf das NutzerverstĂ€ndnis - was Nutzer erleben, denken und fĂŒhlen. Der Discovery Workshop klĂ€rt den Projektrahmen: Business-Ziele, Stakeholder-Erwartungen, technische Rahmenbedingungen. Beide Formate ergĂ€nzen sich und werden idealerweise in Kombination eingesetzt, ersetzen sich aber nicht gegenseitig.
Wann braucht ein Produktteam keinen Empathy Workshop?
Wenn keine Nutzerdaten vorliegen und auch keine Nutzerforschung geplant ist, liefert der Workshop nur Hypothesen - keine Erkenntnisse. In diesem Fall sollte die PrioritĂ€t auf User Research liegen: Interviews fĂŒhren, Support-Tickets auswerten, Nutzungsverhalten analysieren. Der Empathy Workshop entfaltet seinen vollen Wert als Synthesewerkzeug, nicht als Ersatz fĂŒr den direkten Kontakt mit Nutzern.





