Discovery Workshops: In 4 Phasen zur MVP-Definiton

Viele digitale Projekte stürzen sich mit voller Kraft auf eine Lösung, ohne das eigentliche Problem wirklich klar zu haben. Dabei bauen Teams oft auf vage Vermutungen statt auf solide Grundlagen. Das führt nicht zwangsläufig zum Scheitern, aber oft zu Features, die keiner nutzt, und teuren Korrekturen, wenn der Launch enttäuscht.

Portrait von Jan Auer

Jan Auer

Senior UX Writer

Inhaltsverzeichnis

Ein Discovery Workshop hilft genau hier: Er überprüft diese Annahmen und startet das Projekt so strategisch, dass aus einer vagen Idee eine validierte Roadmap entsteht. Diese verbindet Business-Ziele und Nutzerbedürfnisse möglichst früh miteinander.

Warum scheitern so viele Projekte ohne eine saubere Discovery?

KPIs können auf der Strecke bleiben, obwohl die Technik makellos läuft und das Marketing eine richtige Entscheidung nach der nächsten trifft. Oft fließt die gesamte Energie in die Umsetzung und das Brand Building (und beides sind auch sehr wichtige Themen!), aber all das nützt nichts, wenn das Produkt keinen echten Bedarf trifft. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, sorgt der Discovery Workshop für die nötigen Fakten und stellt sicher, dass alle am gleichen Strang ziehen.

Was ist das Ziel eines Discovery Workshops?

Ganz simpel gesagt: ein gemeinsames Verständnis von Produktvision, Nutzerbedürfnissen und Business-Zielen zu schaffen. Statt getrennt zu arbeiten, trifft sich ein Team aus verschiedenen Bereichen, um das Kernproblem präzise zu definieren. So kann man Funktionen priorisieren, Fehlentwicklungen vermeiden und ein solides MVP planen.

Warum ist Alignment so wichtig für den Erfolg?

Alignment bedeutet, vom Entwickler bis zum Stakeholder alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen. Ohne diesen Konsens entstehen später im Prozess oft Reibungsverluste durch widersprüchliche Erwartungen oder technische Hürden, die zu spät erkannt wurden. Ein Discovery Workshop baut Silos ab und schafft „Shared Ownership“, wodurch sich später alle Beteiligten mit den getroffenen Entscheidungen identifizieren können.

Wenn vom Entwickler bis zum Stakeholder alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen, existieren weniger Reibungen und Überraschungen im Prozess. Ohne einen zu Beginn des Projekts erzielten Konsens kommen Konflikte und Hindernisse oft viel zu spät ans Licht. Der Workshop baut Barrieren ab und schafft ein Gefühl von „Shared Ownership“, wodurch sich später alle Beteiligten mit den getroffenen Entscheidungen identifizieren können.

Die 3 Säulen der Discovery: Wo Business, Nutzer und Technik zusammenkommen

Ein erfolgreiches digitales Produkt ist das Ergebnis einer Schnittmenge aus dem, was wirtschaftlich sinnvoll, für den Nutzer wertvoll und technisch machbar ist. Im Discovery Workshop bringen wir diese drei Perspektiven gezielt an einen Tisch, um von Anfang an ein Gleichgewicht herzustellen. Fehlt eine dieser Säulen, riskieren wir entweder ein Produkt ohne Markt (kein Business-Nutzen), ein Produkt ohne User (kein User-Nutzen) oder eine Vision, die niemals fertiggestellt werden kann (keine technische Machbarkeit).

Wie definieren wir messbare Business Ziele?

Zu Beginn klären wir, welches Problem wir fürs Unternehmen lösen wollen. Es geht darum, vage Wünsche in messbare KPIs zu übersetzen. Wollen wir die Conversion Rate steigern, Supportanfragen reduzieren oder neue Marktanteile gewinnen? Diese Ziele geben einen klaren Nordstern vor, an dem wir später alle Entscheidungen im Design messen.

Wie stellen wir sicher, dass wir echte User Needs lösen?

Wir verlassen hier die Unternehmensbrille und schauen durch die Augen der Kunden. Welche echten Probleme und Wünsche haben sie? Nur wenn wir deren Alltagshürden kennen, können wir Lösungen bieten, die wirklich helfen und nicht nur hübsch aussehen. In dieser Phase trennen wir oft das "Was wir glauben, dass sie brauchen" vom "Was sie wirklich brauchen".

Ab wann spielt die Technical Feasibility eine Rolle?

Die Technik sitzt von Anfang an mit am Tisch. So klären wir von Anfang an, ob die nötigen Daten vorhanden sind, ob Schnittstellen passen oder wie viel Aufwand Funktionen tatsächlich kosten. Diese unmittelbare Rückkopplung verhindert, dass wir Traumszenarien entwerfen, die später am Budget oder der technischen Realität zerschellen.

Der idealtypische Ablauf: In 4 Phasen zur Produktvision

Der genaue Ablauf eines Discovery Workshops richtet sich nach der Komplexität des Projekts. Als hilfreicher Leitfaden hat sich dabei jedoch der Double Diamond bewährt. Dieses Modell geht in zwei großen Phasen (divergentes und konvergentes Denken) mit je zwei Abschnitten vor: Zuerst das divergente Denken: wir tauchen tief in das Problem ein, um wirklich zu verstehen, worum es geht. Danach das konvergente Denken: wir öffnen den Raum für Lösungen, um die bestmögliche Antwort zu entwickeln. Durch diesen bewussten Wechsel zwischen offenem, kreativem Denken und zielgerichtetem Fokussieren vermeiden wir ein zielloses Brainstorming und arbeiten stattdessen darauf hin, ein klar definiertes MVP zu schaffen.

Lese-Tipp: Je nachdem, ob Sie ein völlig neues Produkt planen oder ein bestehendes Feature optimieren möchten, eignen sich unterschiedliche Herangehensweisen. Einen Überblick über die 5 wichtigsten Workshop-Formate für digitale Produkte finden Sie in unserem Hub-Artikel.

Phase 1: Discover – Das Problem verstehen

Wir fangen nicht bei null an, sondern sammeln im ersten Viertel des Double Diamond das Wissen, das schon da ist. Die Beteiligten bringen ihre Ideen und Vorstellungen ein, wir schauen uns Marktdaten und Nutzerinterviews an und versuchen herauszufinden, wo noch Lücken im Wissen stecken. Dabei geht es vor allem darum, dass alle ein ähnliches Bild vom Thema bekommen und dass Silos aufgebrochen werden, indem niemand sein Wissen für sich behält.

Ein wichtiges Werkzeug in dieser Phase sind Proto-Personas. Anders als klassische Personas basieren diese nicht auf monatelanger Forschung, sondern auf den gemeinsamen Vermutungen und Erfahrungen der Workshop-Teilnehmer. Wir zeichnen also erfundene Nutzerprofile mit Zielen, Altersgruppen und Verhaltensweisen, um eine gemeinsame Diskussionsbasis zu schaffen. Diese „Hypothesen-Nutzer“ helfen uns, uns besser in die Nutzer hineinzuversetzen und unsere Designentscheidungen von Anfang an aus ihrer (vermuteten) Sicht zu betrachten – und nicht nur technische Details zu diskutieren.

Phase 2: Define – Die zentrale Herausforderung formulieren

Am Ende des ersten Diamanten fassen wir alle gewonnenen Erkenntnisse zusammen und formulieren genau das Hauptproblem, das wir im Workshop angehen möchten. Eine bewährte Technik dafür ist die „How Might We“-Frage, kurz HMW. Sie lautet zum Beispiel: 

„Wie könnten wir [Zielgruppe] dabei helfen, [Ziel] zu erreichen, obwohl [Hürde] besteht?“ 

Diese Frage begleitet uns wie ein Leitfaden durch den weiteren Prozess und sorgt dafür, dass wir nicht an der eigentlichen Aufgabe vorbeientwickeln.

Phase 3: Develop – Lösungswege explorieren

Mit dem Start des zweiten Diamanten öffnen wir den Lösungsraum. Das Team, das aus verschiedenen Fachbereichen zusammengesetzt ist, sammelt in kurzen, strukturierten Sessions eine Menge Ideen. Und ja: dabei zählt erstmal die Menge und nicht, wie gut die Vorschläge sind. Um die Gedanken schnell sichtbar zu machen, setzen wir Techniken wie das Sketching ein. Die Ideen mappen wir entlang der User Journey, um besser zu erkennen, wie sie sich auf das gesamte Erlebnis auswirken könnten.

Phase 4: Deliver – Priorisieren für die MVP Roadmap

In der letzten Phase des Double Diamond geht es darum, Prioritäten zu setzen und das Minimal Viable Product (MVP) zu liefern. Jetzt treffen wir die wirklich schwierigen Entscheidungen. Wir schauen uns alle gesammelten Ideen nochmal genau an: Welche bringen Nutzern und dem Business am meisten? Was ist überhaupt technisch umsetzbar?

Ein hilfreiches Werkzeug dafür ist die Impact-Effort-Matrix. Dabei ordnen wir jede Idee in einem Koordinatensystem an: Vertikal steht der Impact – also wie viel Mehrwert die Idee für Nutzer oder Geschäft bringt. Horizontal messen wir den Aufwand – wie viel Zeit, Technik oder Geld es kostet.

So entstehen vier Bereiche: Quick Wins, die viel bringen, aber wenig Aufwand erfordern, die setzen wir direkt um. 

Dann die Major Projects, die viel wert sind, aber auch viel Arbeit brauchen, diese nehmen wir in die langfristige Planung auf. 

Fill-ins sind Aufgaben, die wenig Nutzen bringen, aber auch wenig Aufwand, die erledigen wir bei Gelegenheit. 

Und die Thankless Tasks sind die Kandidaten, die wir am besten fallen lassen, weil sie viel Aufwand bedeuten und wenig bringen.

Mit dieser Matrix schaffen wir eine gemeinsame, objektive Grundlage, um zu entscheiden, was wirklich für den Start wichtig ist. Am Ende steht eine klare Roadmap fürs MVP, die das ganze Team unterstützt.

Das methodische Werkzeug-Set für effektive Ergebnisse

Damit wir im Double Diamond nicht nur bei vagen Ideen bleiben, greifen wir gezielt auf bewährte UX-Methoden zurück. Diese Werkzeuge bringen Struktur in unsere Gespräche und verwandeln Vermutungen in Hypothesen, die wir später tatsächlich überprüfen können. Sie sind quasi das Bindeglied zwischen der reinen Theorie und der späteren Umsetzung.

Warum brauchen wir Proto-Personas zum Start?

Häufig haben die Workshop-Teilnehmer ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wer genau die Nutzer sind, für die sie etwas entwickeln. Proto-Personas sind sozusagen improvisierte Charaktere, die auf dem gesammelten Wissen der Beteiligten basieren. Sie helfen dabei, die Zielgruppe im Workshop lebendig zu machen und ein Gefühl für ihre speziellen Herausforderungen zu bekommen, ohne dass vorher lange Feldstudien durchgeführt werden müssen.

Aber was, wenn schon „richtige“ Personas vorliegen? In solchen Fällen nutzen wir Proto-Personas als ein Werkzeug zur Reflexion. Damit können wir die bestehenden Personas auf das aktuelle Projekt zuschneiden: Was braucht etwa „Anna“ in genau diesem Nutzungskontext? Es geht darum, die starren Profile aus der Schublade zu holen und sie auf das jetzige Problem anzupassen. Falls die vorhandenen Personas noch passen, überprüfen wir sie im Workshop noch einmal. Erscheinen sie allerdings veraltet, helfen uns Proto-Personas dabei, Wissenslücken zu entdecken, die wir später durch echtes Research schließen sollten.

Wie hilft User Journey Mapping, Schwachstellen zu finden?

Mit dem User Journey Mapping visualisieren wir den gesamten Prozess, den ein Nutzer durchläuft, um ein Ziel zu erreichen. Wir markieren gezielt „Pain Points“ (Schmerzpunkte) und „Moments of Truth“ (entscheidende Momente). Dadurch wird sofort sichtbar, an welchen Stellen die User Experience aktuell bricht und wo der größte Hebel für Verbesserungen liegt. Es macht die Nutzererfahrung messbar und diskutierbar.

Wie treffen wir Entscheidungen mit der Impact-Effort-Matrix?

Am Ende eines Workshops stehen oft Dutzende gute Ideen. Die Impact-Effort-Matrix ist unser entscheidender Filter: Wir bewerten jede Idee danach, wie groß der Nutzen für den User oder das Business ist (Impact) und wie aufwendig die technische Umsetzung wäre (Effort). So identifizieren wir die „Quick Wins“ und vermeiden es, wertvolle Ressourcen in komplexe Features mit geringem Mehrwert zu stecken.

Was erreicht man am Ende eines Discovery Workshops?

Klar, es geht nicht nur darum, dass alle sich am Ende gut verstehen. Viel wichtiger sind die greifbaren Ergebnisse, die den Workshop erst wirklich wertvoll machen. Diese Dokumente fangen die spontanen Ideen des Tages ein und verwandeln sie in eine solide Grundlage, auf die man bei den nächsten Sprints immer wieder zurückgreifen kann. So entsteht eine Art „Single Source of Truth“, die für das ganze Team Orientierung bietet.

Das Product Vision Board

Ein ganz zentraler Punkt ist das Product Vision Board. Das ist quasi das strategische Herzstück und bringt alles Wesentliche auf eine Seite: Wer sind unsere Kunden? Welches Problem helfen wir ihnen zu lösen? Welche Business-Ziele wollen wir erreichen? Und was macht unser Produkt eigentlich besonders? Mit diesem Board haben wir eine klare Richtschnur, eine Art Nordstern. Wenn später Fragen oder Unsicherheiten auftauchen, hilft es uns, den Fokus nicht zu verlieren und Entscheidungen zielgerichtet zu treffen.

Wie sieht eine erste priorisierte Roadmap aus?

Und dann gibt es noch die erste priorisierte Roadmap. Aus der Impact-Effort-Matrix leiten wir ab, welche Themen sofort in Angriff genommen werden (also das MVP) und welche Ideen wir fürs Erste zurückstellen, aber nicht aus den Augen verlieren. Das gibt den Stakeholdern Klarheit über den Umfang und ermöglicht dem Team gleichzeitig, in der Umsetzung flexibel und agil zu bleiben. So führt der Workshop direkt und unkompliziert in die Entwicklungsphase.

Was Sie beim Discovery Workshop vermeiden sollten

Auch der bestgeplante Workshop kann ins Stocken geraten, wenn typische Fehler bei Vorbereitung oder Durchführung auftreten. Ein Discovery Workshop ist zwar ein effizientes Werkzeug, doch längst ohne Erfolgsgarantie. Denn nur wenn man konsequent bleibt und die richtigen Leute dabei hat, kann er wirklich wirken. Wird das vernachlässigt, verwandelt sich die Runde leicht in eine Diskussion ohne greifbares Ergebnis.

Wer sind die richtigen Teilnehmer für eine produktive Runde?

Das größte Hindernis ist oft die Idee „Alle sind eingeladen“. Wenn mehr als acht bis zehn Teilnehmer mitmischen, ziehen sich Gespräche unnötig in die Länge und Entscheidungen werden schwerer. Besser ist eine kleine, aber bunte Mischung aus verschiedenen Blickwinkeln: Jemand, der für die Business-Ziele steht (Product Owner), jemand aus dem technischen Bereich (Lead Developer) und jemand, der das Nutzererlebnis im Auge behält (UX). 

Wichtig ist auch, dass diese Personen wirklich das Mandat haben, in ihrem Bereich Entscheidungen zu treffen. Nichts frustriert mehr als ein Konsens, der am nächsten Tag von einem fehlenden Stakeholder wieder gekippt wird.

Warum ist Mut zur Lücke entscheidend für den Speed?

Ein Discovery Workshop soll keine fertige Spezifikation bis ins letzte Detail liefern. Ein häufiger Fehler ist es, sich in mikroskopischen Diskussionen über einzelne Button-Farben oder Formularfelder zu verlieren. Behalten Sie den Fokus auf der High-Level-Vision und dem Kernproblem.

Es geht darum, die strategische Richtung festzulegen und die größten Risiken zu minimieren. Die Detailarbeit erfolgt in den anschließenden Design Sprints oder der Ausarbeitung der User Stories. Vertrauen Sie darauf, dass der Workshop das nötige Fundament gelegt hat, um diese Details später effizient zu lösen.

Fazit: Discovery ist Ihre Versicherung gegen teure Fehlentwicklungen

Wenn Sie von Beginn an Business-Ziele, Nutzerwünsche und technische Möglichkeiten zusammenbringen, verringert sich die Chance, am Markt vorbei zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, klar zu bekommen, was und wie etwas gemacht wird, sondern vor allem, warum.

Der wirkliche Gewinn entsteht, wenn alle im Team – von den Stakeholdern bis zu den Entwicklern – die Vision nicht nur kennen, sondern gemeinsam während des Workshops formen. So wächst nicht nur die Effizienz, sondern auch die Verbundenheit mit dem Projekt. Das spart später Zeit bei Diskussionen und vermeidet kostspielige Korrekturen. Kurz gesagt: Eine gründliche Discovery zahlt sich in den nächsten Sprints wirklich aus.

Bereit für den nächsten Schritt?

Stehen Sie vor einem neuen Produktlaunch oder möchten Sie ein bestehendes Feature grundlegend überarbeiten? Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, wie ein maßgeschneiderter Discovery Workshop Ihr Projekt beschleunigen kann.

Kostenlose Erstberatung buchen

Fallstudie

Globale Bildung mit dem Design für DAAD's My GUIDE Plattform

Wie wir eine intuitive Plattform geschaffen haben, die internationalen Studenten hilft, sich in deutschen Studiengängen zurechtzufinden.

Mehr lesen

Blogbeiträge

Mehr lesen über UX & Barrierefreiheit

Wie, wann und warum diese 5 UX Workshops bessere digitale Produkte schaffen

Warum gezielte UX-Verbesserungen die wirkungsvolle Alternative zum Redesign sind

Was unterscheidet B2B und B2C UX Design?

Discovery Workshops: In 4 Phasen zur MVP-Definiton

Wie, wann und warum diese 5 UX Workshops bessere digitale Produkte schaffen

Warum gezielte UX-Verbesserungen die wirkungsvolle Alternative zum Redesign sind

Mehr Beiträge sehen